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Germanistik in Großbritannien: Interview with WiGS Chair Henrike Lähnemann in AcademiaNet

INTERVIEW

English version available here:

http://www.academia-net.de/alias/Aktuelles/A-Voice-for-Medieval-and-Modern-German/1219528

Der Germanistik in Großbritannien Gehör verschaffen

AcademiaNet im Gespräch mit Henrike Lähnemann, Professorin an der Universität Newcastle

24. 1. 2014 | Henrike Lähnemann erforscht die mittelalterlichen Handschriften norddeutscher Nonnen und ist gleichzeitig eine engagierte Anwältin der Germanistik sowie der Germanistinnen in Großbritannien.

AcademiaNet: In Ihrer Forschungsarbeit an der Universität Newcastle beschäftigen Sie sich mit Andachtstexten, die in norddeutschen Frauenklöstern um 1500 entstanden, also vor der Reformation. Was interessiert Sie daran besonders?Prof. Henrike Lähnemann: Es handelt sich hier um eine ungeheuer lebendige Zeit: Die Nonnen schreiben mit dem Sendungsauftrag, der aus der Erneuerung in den norddeutschen Klosterreformen des 15. Jahrhunderts entspringt. Das schlägt sich in einem Reichtum an religiösen Texten nieder. Die Frauen suchen neue Ausdrucksformen zwischen Latein und Niederdeutsch. Mir ist es wichtig, diese Aufbruchsstimmung aus dem Schatten des Etiketts “vorreformatorisch” herauszuholen.

(© Oliver Seitz)

Prof. Henrike Lähnemann | stellt ihre Forschung zu mittelalterlichen Andachtsbüchern im Kloster Mariensee bei Hannover vor, Ostern 2012.

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt bei den Andachtsbüchern aus Medingen, einem der Lüneburger Frauenklöster. Was ist an diesen aufwändig verzierten Handschriften besonders wichtig?

Was in den Handschriften sichtbar wird, ist die Aneignung der Andachtskultur durch die Nonnen. Aus den bunten Oktavbänden spricht außerdem ihr Verlangen, die eigene religiöse Kompetenz auch den Laien, vor allem Frauen, mitzuteilen.

Die Nonnen schrieben diese Bücher als Andachtsübung, jede der Handschriften erhält ein individuelles Profil. Das gilt vor allem für die bislang nur aus Medingen bekannten “Apostelgebetbücher”, in denen die Nonnen den ihnen persönlich zugelosten Apostel anreden und die Standardgebete für Heiligenfeste dabei mit persönlich formulierten Meditationen anreichern. Dabei kommt es zu einer Art heiligem Wettbewerb um die größte Zahl an Superlativen, um zu belegen, dass der eigene Apostel der “Beste” sei.

(© Henrike Lähnemann / National Arts Library, Victoria and Albert Museum MSL/1902/1681)

Neu entdeckte Handschrift | aus dem Kloster Medingen in Niedersachsen. Prof. Lähnemann fand dieses Büchlein nur wenige Tage vor unserem Interview im Victoria and Albert Museum in London.

Während die Nonnen ihre eigenen Apostelgebetbücher lateinisch schrieben, übersetzen sie – buchstäblich und metaphorisch – ihre Andachtspraxis für ihre weiblichen Verwandten ebenso wie für die Laienschwestern in Medingen in die Volkssprache. Die traditionelle religiöse Bildung wird damit für eine neue Gruppe gebildeter Frauen im Hanseraum in Niederdeutsch zugänglich gemacht.

Ihre Arbeit an den Handschriften umfasst die Katalogisierung, Digitalisierung, Edition ebenso wie die Analyse der Texte. Weshalb ist diese Arbeit wichtig?

Eine sprachliche, literarische und theologische Untersuchung kann nur erfolgreich sein, wenn sie in Verbindung mit der grundlegenden Erschließung der Handschriften als Korpus einhergeht. Die meisten der zwölf Apostelgebetbücher, die ich in den letzten sechs Jahren zusammentragen konnte, waren in den Katalogen der einzelnen Bibliotheken verzeichnet – aber ohne Kontext. In der Zusammenschau lassen sich dann plötzlich signifikante Muster erkennen.

So konnte ich beispielsweise die Namenslisten der Medinger Ablassbriefe mit den Namenskürzeln in den Apostelgebetbüchern in Verbindung bringen, um so die einzelnen Nonnen zu identifizieren. Damit bietet sich zum ersten Mal eine geschlossene Gruppe von mittelalterlichen Schreiberinnen dar – selbst bei etablierten Skriptorien in Männerklöstern ist die namentliche Identifikation recht ungewöhnlich.


Eine Medinger Nonne kniet

Diese Erschließungsarbeit geschieht nicht im luftleeren Raum: Für die evangelischen Frauen, die jetzt in den Klöstern leben, verändert sich dadurch entscheidend das Bild, das sie von ihren mittelalterlichen Vorgängerinnen haben. Das romantische Klischee des 19. Jahrhunderts von dem eingesperrten Nönnchen, das dem lateinischen Hokuspokus der Priester demütig folgt, hat sich endgültig überholt. Die Medinger Nonnen treten uns als quicklebendige, intelligente, theologisch engagierte und passionierte Autorinnen mit einem eigenen theologischen Profil entgegen.

Ein weiteres Thema, zu dem Sie geforscht haben, ist das Buch Judith, und wie ihre Geschichte sowohl Schriftsteller als auch Künstler durch die Jahrhunderte inspiriert hat. Wer war Judith, und worin liegt ihre literarische Bedeutung?

Judith ist eine faszinierende Figur, denn im Laufe der Jahrhunderte verwandelt sich die fromme Frau in eine Femme fatale. Das Buch Judith ist einzigartig in der weiteren biblischen Literatur, weil es von vornherein romanhaft angelegt ist: Nicht als historischer Bericht, sondern als eine Art Mutmachgeschichte. Judith, die als Witwe so unheldisch wie möglich angelegt ist, enthauptet Holofernes, der als General Nebukadnezars der stärkstmögliche Held ist. Die Geschichte, die voller Spannung und Wortwitz ist, sollte den hellenistischen Lesern demonstrieren, dass ganz unerhörte Dinge möglich sind – entsprechendes Gottvertrauen vorausgesetzt.

Bis in die Frühe Neuzeit wurde die Geschichte als Parabel gelesen, wie die Macht des Gebets den Feind besiegen kann, Judith ist das Instrument Gottes. Aber seit dem Spätmittelalter werden Einzeldarstellungen Judiths häufiger, die sie als verantwortlich handelnde Frau in den Vordergrund stellen. Im 15. und 16. Jahrhunderts existieren beide Vorstellungen nebeneinander: Vorbildhaft fromm und höchst bedrohlich. In der Neuzeit drängt dann Judith als Frau und Femme fatale die Exempelgeschichte weitgehend in den Hintergrund.

2008 fand eine bahnbrechende Konferenz in der New York Public Library statt, während derer diese Wandlungen erstmals wirklich interdisziplinär nachverfolgt wurden. Eines der spannendsten Ergebnisse aus der Begegnung der verschiedenen Wissenschaftsrichtungen war dabei für mich die enge Verflechtung von jiddischer und deutscher Judith-Literatur. Die Übernahme reformatorischer Bibelübersetzungen in jiddische Nacherzählungen der Geschichte gibt einen überraschenden Einblick in das wenig erforschte Miteinander der jiddischen und frühneuzeitlichen Literatur.

Sie erforschen nicht nur die Texte mittelalterlicher Frauen, sondern engagieren sich auch jenseits der Mediävistik für die Frauen in der Germanistik als Vorsitzende der “Women in German Studies” WiGS. Was ist Ihnen wichtig an dieser Organisation?

Bei der Gründung eines separaten Germanistinnenverbandes vor 25 Jahren ging es darum, Wissenschaft stärker inklusiv zu gestalten. Der damalige Germanistenverband “Conference of University Teachers of German”, kurz CUTG, ließ nur Dozenten mit Vollzeitstellen an traditionellen Universitäten als Mitglieder zu, damit waren alle Lehrenden ausgeschlossen, die an Polytechnics, also an Fachhochschulen, als Lehrbeauftragte, freiberuflich oder promovierend tätig waren. Diese Gruppen waren nun zu einem großen Teil Frauen – und sie hatten keine Stimme. Der jetzige Germanistenverband, die “Association of German Studies” AGS hat sich dahingehend geändert – hätte das aber kaum getan, wenn WiGS nicht diesen Trend gestartet hätte, marginalisierte Germanistinnen sichtbar zu machen und Nachwuchskräften die Chance zu geben vor einem Fachpublikum vorzutragen.

Was ich an dieser Gruppe sehr schätze, ist, dass die Germanistik damit über eine weitere Lobbygruppe verfügt. Wir führen gemeinsam mit der AGS, den anderen “Women in”-Gruppen, das sind vor allem Romanistinnen und Hispanistinnen, sowie dem UCML, dem “University Council for Modern Languages”, Kampagnen durch, um moderne Sprachen im politischen Bewusstsein zu halten. Ich sehe meine Aufgabe zur Zeit darin, zum einen mit den Germanistinnen zusammenzuarbeiten, zum anderen ist es ebenso wichtig, für die Neuphilologie in Großbritannien einzutreten.

Sehr geehrte Frau Prof. Lähnemann, vielen Dank für dieses sehr interessante Gespräch!

Das Interview führte Helen Jaques.
(© AcademiaNet)

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